„Sieh nur, mein liebes Eheweib. Du brachtest eine wunderschöne Tochter zur Welt“, sagte Twel und lächelte.
Die S’kila keuchte und hob entkräftet ihren Arm. Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Sie legte ihm die Hand auf die Wange und zwinkerte.
„Eres Twel“, sagte einer der Geburtshelfer mit trauriger Miene, „sie verliert zu viel Blut. Wir sind machtlos. Forderst du den Meépi?“
Twel schüttelte den Kopf und schnaubte dem Helfer zornig entgegen, der sogleich sein Haupt senkte und seinen Blick gen Boden richtete.
Er wandte sich seinem sterbenden Eheweib zu, streichelte ihren Kopf und lächelte.
„Wie sollen wir sie nennen, liebstes Weib?“, fragte er.
Sie nahm den kreischenden Säugling in ihre Arme und küsste ihm schwer atmend die Stirn.
„Nenne sie Sara-he. Dereinst soll sie eine große Kriegerin, die beste aller Konraén sein. Der Stolz ... aller ... aller“, ächzte sie. Ihre Atmung wurde flacher, langsam ließ ihr Griff nach. „Aller Dörfer Hrons.“
Sie sah Twel in die Augen und eine Träne lief ihr die Wange hinab.
„Bereite ... sie ... vor ... liebster Tw... Twel.“ Sie hob ächzend den Arm und legte ihm ihre Hand auf die Wange.
Er schmiegte sich daran und lächelte ihr entgegen.
„Sei ihr ein ... ein ... gut...“ Ihre Augen wurden glasig und ihr Arm fiel zu Boden.
Sie hauchte ihren letzten Atemzug aus und ihr Brustkorb mit dem darauf liegenden Säugling sank langsam ab.
Twel senkte traurig sein Haupt und legte seine Hand auf die Stirn seines verstorbenen Eheweibs.
„Marschiere ungesehen, liebstes Eheweib. Auf dass deine Seele in die Dortwelt gelangt“, flüsterte er.
Die Geburtshelfer seufzten betrübt, verließen wortlos die Holzhütte und ließen den Eres ihres Dorfs allein zurück.
Er nahm das kreischende Säuglingsmädchen auf den Arm und lächelte ihm zu.
Ziellos tastete sie umher und blinzelte.
„Sara-he. Dereinst wirst du eine große Kriegerin. Wie deine Mutter es wünschte“, sagte er mit sanfter Stimme und strich dem Säugling über die Stirn.
Er erhob sich, richtete einen letzten Blick auf die Mutter und nickte.
„Ich will deinem Wunsch Folge leisten.“
Langsam trottete er, den Säugling im Arm gehalten und dessen Kopf sorgsam gestützt, die Hütte hinaus und trat vor die Bewohner des Dorfes Medowdal.
Ein Raunen ging durch die Menge und gespannt warteten sie auf die Worte ihres Eres.
Twel hob seine neu geborene Tochter hoch und präsentierte sie seinem Gefolge.
„Begrüßt Sara-he!“, rief er voller Stolz.
Die Menge riss die Arme in die Luft und jubelte. Sie schnalzten mit ihren Zungen und krähten.
Stolz lächelnd ließ der Eres von Medowdal einige Momente verstreichen, ehe er Sara-he wieder sanft in seinen Arm wog.
Ein S’kilamann näherte sich ihm.
Mit stolzgeschwellter Brust hielt er inne, senkte schließlich sein Haupt und drückte seine Schulter nach vorn.
„Eres Twel. Hast du einen Befehl?“, fragte er demütig.
Twel hielt lächelnd den kreischenden Säugling im Arm.
Er sah seiner Tochter in die Augen.
„Leóut Reiven. Suche mir eine Fanóen, die Sara-he gleich einer Amme dienen soll. Mein Weib ist längst auf ihrem Weg in die Dortwelt.“
Reiven nickte und sah sich um. Schnell zeigte er auf eine S’kilafrau und schnalzte mit der Zunge.
„Komm näher, Fanóen!“, rief er streng.
Rasch lief die heran und senkte demütig ihr Haupt.
„Womit darf ich Leóut Reiven und Eres Twel dienen?“, flüsterte sie.
„Mich deucht, du gebarst vor wenigen Tagen. Ist es nicht so?“, fragte Reiven und hob ihren Kopf an ihrem Kinn hoch.
Sie nickte und senkte sogleich wieder demütig ihr Haupt.
„Wie ist dein Name, Fanóen?“, fragte Twel.
„Ar... Arelin“, stammelte sie und sah ihm schüchtern in die Augen.
Twel lächelte und nickte. Er reichte ihr Sara-he vorsichtig und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Nähre meine Tochter, Fanóen Arelin. Gib ihr die Brust, gleich sie dein eigen Fleisch und Blut wäre.“
Arelin hielt Sara-he im Arm und lächelte ihr zu.
Mit einem Mal verstummte das Kreischen des Säuglings und wich einem entspannten Brabbeln.
Arelin strich ihr über die Stirn und streichelte ihr die Wange.
„Ich werde sie, gleich sie meine Tochter wäre, behüten. Es ist mir eine Ehre, dein Kind in meiner Obhut zu wissen, Eres Twel dan Medowdal rel Hron“, sagte sie und senkte ihr Haupt.
Reiven tat einen Schritt zur Seite und räusperte sich.
„Zurück in deine Hütte, Fanóen“, sagte er harsch.
Arelin nickte und zog sogleich schnellen Schrittes von dannen.
Die restlichen S’kila schnalzten mit ihren Zungen und jubelten. Sie sahen zu ihrem Eres und freuten sich, ob des neuen Mitglieds ihres Stammes.
„Eres Twel?“, fragte Reiven. „Was ist dein Begehr betreffend deiner Tochter? Welchen Weg wird Sara-he dereinst gehen?“
„Mein guter Reiven“, antwortete Twel und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sogleich sie der Brust entwöhnte, verlange ich, dass du dich ihrer annimmst.“
Reiven sah sich beschämt um und stapfte unstet auf der Stelle umher.
„Welch Ehre du mir zu Teil werden lässt, erfüllt mich gleichermaßen mit Stolz wiewohl Scham.“
Twel winkte ab und schüttelte den Kopf. „Niemand wäre besser geeignet“, sagte er und klopfte ihm freundschaftlich gegen die Brust.
„Du bist ein fähiger Kämpfer und ein hervorragender Leóut. Ich würde niemand Geringerem die Ausbildung meiner Tochter überantworten.“
Er gab der Menge ein Handzeichen und sogleich verstreuten sie sich in alle Richtungen.
Die Unruhe der hinfortstapfenden S’kila legte sich.
Twel räusperte sich.
„Sogleich Sara-he fähig ist, einen Bogen zu halten, erwarte ich, dass du sie zur Konraén ausbildest.“
Reiven nickte, legte sich die Hand auf die Brust und drückte die Schulter nach vorn. „Gewiss, Eres Twel. Wie du befiehlst.“
Arelin war indes an ihrer Hütte angekommen.
Von drinnen drangen Schreie eines Säuglings nach draußen.
Geschwind öffnete sie die Türe und legte Sara-he behutsam auf ein Bärenfell.
Schnell stapfte sie zur anderen Seite der spärlich eingerichteten Hütte und langte in einen weich mit Schafswolle ausgepolsterten Korb aus geflochtenen Weidenruten.
Vorsichtig hob sie einen kreischenden Säugling heraus und nahm ihn auf den Arm.
Sie summte leise und wiegte das Kind mit einem Lächeln.
„Alles ist gut, liebster Balo“, flüsterte sie.
Sie ging vorsichtig auf Sara-he zu und beugte sich zu ihr hinab.
„Sieh doch, mein Sohn“, sagte sie mit sanfter Stimme und hielt den Säugling nahe an sie heran. „Begrüße Sara-he, deine neue Schwester.“
Die Säuglinge lagen nebeneinander und wackelten mit Armen und Beinen, rollten sich sanft von einer Seite zur anderen. Arelin musterte sie lächelnd und ergötzte sich an dem lieblichen Bild.
„Dereinst werdet ihr beide große Krieger sein. Womöglich wird einer von euch gar Mastsi von Hron?“
Sie setzte sich auf den Boden und säugte ihren Sohn. Seufzend sah sie zu Sara-he und lächelte.
„Gleichwohl du nicht meinem Leib entschlüpftest, werde ich dich gleich meiner eigenen Tochter ansehen“, flüsterte sie und streichelte Sara-he über die Stirn.
Vorsichtig setzte sie ihren Sohn ab und führte Sara-he an ihre Brust.
Der Säugling begann zu trinken.
„Wie sie mich ansieht. Es erfüllt mein Herz mit Liebe“, sagte Arelin zu sich selbst und lächelte beseelt.
„Ich werde deinen Vater mit Stolz erfüllen, Sara-he dan Medowdal rel Hron.“