Die Menschen gierten seit jeher nach alleiniger Herrschaft. Der Stab der Macht, einst erschaffen von Lopna, dem Terenäer und Diener des Feuergottes Argwont, lange als für immer verschollen geltend, war gefunden.
Er betrat den großen Thronsaal. Das Scheppern seiner Rüstung hallte leise, da er langsam auf den Thron zu ging.
Klonk, Klonk
Der Herold des Königs klopfte mit seinem Stock auf den Steinboden. Dumpf hallte der Klang einen Augenblick lang nach.
„König Sajam aus dem Hause Foran, Truchsess des Landes Bralan unter dem Joch des Landes Garan und des Großkönigs Brides Foran. Der sechzehnte der Truchsess Reihe. Lang solle seine Regentschaft für Bralan und seine Dienerschaft für Garan andauern.“
Klonk, Klonk
„Dem König erscheint aus seinem Volke, Kommandant Forn Andrasvár. Heerführer der Armee Bralans.“
„Tretet näher Kommandant! Ich habe einen Auftrag für Euch“, sagte Sajam.
Der hölzerne Thron knarzte, da er sich langsam vor lehnte.
„Ihr alle, lasst uns allein!“, rief er und gab seinen Domestiken ein Handzeichen.
Die Dienerschaft verneigte sich und verließ den Thronsaal.
Forn stapfte an des Regenten Thron heran und verbeugte sich.
„Mein König Sajam. Es ist eine Ehre, von Euch empfangen zu werden. Wie lauten Eure Befehle?“
Sajam erhob sich langsam und trottete einige Schritte umher.
Er strich sich durch sein schulterlanges dunkles Haar, blickte Forn streng entgegen und musterte ihn schweigend.
„Seid Ihr des Stabes der Macht gewahr?“, fragte der kindlich anmutende Regent.
Forn schüttelte den Kopf.
„Nun, allein dessen, welches man sich darüber erzählt, mein König.“
„Welches da wäre, Kommandant Forn?“, erwiderte Sajam und schlenderte zum üppig mit Speis und Trank gedeckten Tisch.
„Ein Artefakt mit göttlicher Macht mein König. Erschaffen von Lopna, dem Terenäer des Feuergottes Argwont. Mit dessen Macht unterwarf er einst sowohl seinen Schöpfer, gleich wie den Erdengott Gaurdo, die Luftgöttin Lithel und die Wassergöttin Kardini. Er raubte ihnen ihre göttlichen Kräfte, band diese im Stab der Macht und sperrte sie in ewigliche Gefängnisse.“
Sajam schüttelte den Kopf und sah Forn zornig an.
„Würde ich um eine Unterweisung in der Geschichte Arenbórs ersuchen, so böte ich Euch um ebendiese.“
Forn schwieg, musterte den König und wischte sich über sein kahles Haupt.
„Er gilt als für immer verloren. Kardini, die Göttin des Wassers, setzte sich einst zur Wehr, vernichtete Lopna und der Stab fiel durch das ewige Loch von Klon-Óvic in die Dortwelt.“
Sajam griff nach einer Karaffe und einem der prunkvoll verzierten Zinnbecher. Er schenkte sich schweigend Wein ein und schwenkte ihn langsam, derweil Forn weiter still stand und geradeaus ins Leere sah.
Er nippte vorsichtig an dem Wein und schmatzte.
„Vorzügliche Beere, leicht herb, lang im Abgang“, flüsterte er und wandte sich Forn zu.
„Nun Kommandant. In einem Punkt irrt Ihr.“
„Mein König?“
„Er ist nicht für immer verloren. Ganz im Gegenteil!“
„Trachtet Ihr, zu sagen ...“
„In der Tat“, unterbrach Sajam ihn grinsend.
Forn schwieg.
„Und Ihr werdet ihn für mich und Bralan, Euer Land, holen.“
Die Gier nach Macht spiegelte sich in Sajams glänzenden Augen wider.
Forn sah den König argwöhnisch an.
„Für Bralan? Aber Euer Vetter, Großkönig Brides Foran. Was wird es ihm dünken, so ihr jenen Fund nicht an das Land Garan überlasst?“
„Was interessieren mich die Gedanken meines Vetters? ICH sollte der Großkönig sein!“, schrie Sajam wutentbrannt.
Forn nickte gedankenverloren.
Und dennoch bist du allein ein widerwärtiger Tellerlecker unserer Unterdrücker, du vermaledeites Hundegezücht.
„Gewiss mein König. Aber, der Stab der Macht, woher erfuhrt Ihr ob dessen Verbleibs?“
Sajam stolzierte auf Forn zu und blieb nah an ihm stehen.
Er hob seinen Kopf, um den groß gewachsenen Hünen in die Augen zu sehen, verschränkte seine Arme und lehnte sich nach vor.
„Der Menschen Schöpfer war es“, sagte er leise. „Der Erdengott Gaurdo höchstselbst erzählte es, da er mir in einem Traum erschien. Es ist meine Bestimmung der Großkönig zu sein.“
Forn lauschte den Worten Sajams.
Ist er von Sinnen? Die Götter sind seit schier unzähligen Zwölfmonden in ihren Gefängnissen, unterworfen vom Verräter Lopna und ihrer Macht beraubt.
Er senkte den Kopf und sah ihm in die Augen.
„Mit Verlaub, mein König, wie sicher vermögt Ihr zu sein?“
Sajam lächelte süffisant und schlenderte lockeren Schrittes zu seinem Thron.
Er ließ sich nieder und nahm einen großen Schluck aus dem Becher.
„Trachtet Ihr, Euren König einen Lügner zu heißen, Kommandant Forn?“
Forn nahm einen aufrechten Stand ein und senkte demütig sein Haupt.
„Mitnichten, mein König. Verzeiht meiner abträglichen Worte.“
Sajam lachte und nickte zufrieden.
„Stellt eine Armee zusammen. Fünfhundert Krieger sollen Euch begleiten. Ihr werdet sie führen und holen, was mir zusteht. Es ist eines Königs, nein, es ist MEIN Recht, solch ein allgewaltiges Artefakt sein Eigen zu nennen.“
„Wohin vermag ich sie zu führen mein König?“, fragte Forn.
„Tief in das Land Arsúr. Bis nach Nagh-Bróa, dem dunken Tal“, antwortete Sajam und grinste.
Forn hielt inne und versuchte, seinen Schock zu verbergen.
Er fiel dem Wahnsinn anheim.
Seine Augen waren weit aufgerissen und er musterte den König still.
„Da ist sie wieder!“, lenkte Sajam ein. „Die Feigheit der Bralaner.“
Er lachte laut.
„Euch trachtet es, etwas zu sagen. Ich erkenne es genau“, sagte Sajam und grinste.
„Nun, mein König“, erwiderte Forn und räusperte sich, „so ich dies mächtige Artefakt für Euch holen soll, so entsendet allein mich. Es bedarf derer keine fünfhundert Mann.“
Sajam schüttelte den Kopf und kicherte.
„Ihr verfügt nicht über den Weitblick, den Euer König besitzt. Den Kommandanten alleine zu entsenden wäre beträchtlich seltsam. Die Stimmen drängten vor bis in die Hauptstadt Garans, dass sich etwas in Bralan regt. Gar würde man meinen, ich schmiede Ränke. Nein, Kommandant Forn. Ihr tut, wie Euch geheißen.“
„Doch ... eine Armee dieser Größe bremst, braucht viele Vorräte und ich mag nicht zu vermuten, wer unter ihnen den Gefahren nicht gewachsen sein wird. Mich deucht, nicht alle der ihren werden ...“
„Wollt Ihr Eurem König diesen Wunsch nicht erfüllen?“, fiel Sajam ihm ins Wort.
„Gleichwohl Ihr mehr einem Bären, denn einem Manne gleicht, fürchtet Ihr Euch wohl?“
„Nein mein König.“
Forn schüttelte energisch den Kopf.
„Es ist nur, Arsúr ist ...“, stotterte er.
„Schweigt still, Kommandant!“, unterbrach ihn Sajam forsch.
Er erhob sich und hastete zum Eingang des Thronsaals.
Dort öffnete er das Tor einen Spalt.
„Ruft nach dem Kommandanten meiner Leibwache! Ruft nach Dorgan Mor!“, rief er.
Der König drehte sich um und schlenderte geradewegs auf Forn zu. „Und, Kommandant ...“, flüsterte er.
Der sah regungslos auf den kleinen König nach unten.
„Zu niemandem ein Wort! Allein Ihr vermögt der Absicht der Expedition zu gewahren.“
Dorgan betrat rasch den Thronsaal und zwinkerte Forn freundschaftlich zu.
Er trat an den Thron heran und verbeugte sich höflich.
„Mein König Sajam. Was ist Euer Begehr?“, fragte er und wandte seinen Blick demütig gen Boden.
Sajam räusperte sich und lehnte sich nach vor.
„Ihr seid ein respektierter Mann, Dorgan Mor. Die Soldaten sehen zu euch auf, gleich Ihr einer der ihren und ihr Anführer wärt.“
„Ich verstehe nicht, mein König.“
Dorgan schüttelte den Kopf.
„Nun, Kommandant Forn wurde mit einem Auftrag betraut. Und ich wünsche, dass Ihr ihn begleitet.“
„Gewiss mein König. Wie lautet jene Obliegenheit und wohin soll ich ihn geleiten?“
Dorgan wandte sich zu Forn, doch der erwiderte seinen Blick nicht. Er sah weiterhin starr ins Leere.
„Der Kommandant wird eine Armee von fünfhundert Mann nach Arsúr führen. Mit Euch an seiner Seite.“
„Arsúr? In die Lande des Feuergottes Argwont? Mit Verlaub mein König, dort gibt es nichts, außer den sicheren Tod“, wandte Dorgan geschockt ein.
„Weswegen trachtet Ihr, uns in jene Lande zu entsenden? Schon der Weg dorthin kommt einem Todesurteil gleich!“
Er sah verstohlen zu Forn, doch wieder ignorierter dieser ihn.
Der König erhob sich und schlenderte zu Dorgan. Er trat nah an ihn heran, nahm einen großen Schluck aus dem Becher und sah ihm tief in die Augen.
„Mir stellt sich die Frage, ob Ihr wagemutig oder schlicht schwachköpfig seid“, fauchte Sajam zornig. „Ihr wagt, meine Absichten in Frage zu stellen?“
„Ihr habt recht, mein König. Bitte verzeiht!“, lenkte Dorgan ein und senkte demütig sein Haupt.
Sajam berührte seine Stirn und lachte hämisch. „Euch sei vergeben.“
Er schlenderte zu seinem Thron zurück und nahm Platz.
„Dorgan Mor, Erdulder von siebenundzwanzig Tagen in der Prüfung des Leides“, sagte er und nickte anerkennend.
„Eine beachtliche Leistung, derer wegen Ihr meinen Respekt genießt. So gelangt es mir, Euch dennoch Eure Frage zu beantworten.“
Er trank den Rest des Weins aus dem Zinnbecher und warf ihn zur Seite.
„Land, Kommandant Dorgan. Der Zweck des Auftrages ist alleinig Land.“
Dorgan schüttelte den Kopf und hielt einen Moment inne.
„Land, welches Ihr für Bralan einnehmen werdet. Kommandant Forn wird euch führen.“
„Mit Verlaub, mein König. Ich bin nicht Befehlshaber der Armee. Mich deucht, Kommandant Forn braucht meine Unterstützung nicht. Allein der Schutz Eures Lebens ist es, darnach es mir gelangt.“
„Sorgt Euch nicht meinetwegen, Dorgan. Ich argwöhne, Kommandant Forn ist der Aufgabe alleine nicht gewachsen“, erwiderte Sajam süffisant.
Er erhob sich von seinem Thron und stapfte zu dem Tisch.
Dort griff er erneut nach der Karaffe und schenkte sich einen weiteren Becher mit Wein ein, schwenkte ihn, grinste hämisch und musterte Forn.
„Er wird Eure Unterstützung brauchen.“
Er nahm einen großen Schluck und seufzte.
„Mich deucht, er fürchtet sich vor der Reise und jenen Kreaturen, die in Arsúr hausen.“
Forn regte sich nicht und schwieg.
„Nun“, erwiderte Dorgan und nahm eine aufrechte Position ein, „so dies Euer Wunsch ist, so werde ich ihn Euch erfüllen, mein König. Wir werden Arsúr einnehmen. Für Bralan!“
„So denn, die Herren Kommandanten. Auf auf, ans Werk“, sagte Sajam, lachte laut und nahm einen großen Schluck Wein.
„Verlasst meine Burg und kehrt erst wieder, so ihr erfolgreich wart!“
Forns Miene blieb starr, doch seine Augen funkelten vor Zorn.
Sogleich wir wiederkehren, wirst du dein Maul nicht mehr aufreißen. Ich allein werde es sein, der den Stab in seinen Händen halten, und dich mitsamt deiner Sippe in die Dortwelt senden wird.
Er und Dorgan verbeugten sich höflich und verließen schweigend den Thronsaal.
Ein ächzendes Knarren ertönte, da Forn die Eingangstüre zu zog. Das Schloss rastete mit einem lauten Klicken ein und die Zierketten klopften gegen die Holzlatten.
„Auf ein Wort, Forn“, sagte Dorgan und trat sogleich an ihn heran.
„Ist der König von Sinnen?“
Forn sah sich aufgeregt um und schüttelte energisch den Kopf.
„Wähle deine Worte mit Bedacht, mein Freund“, erwiderte er flüsternd.
„Dieses Unternehmen ist Wahnsinn. Arsúr einnehmen? So mein Erlerntes mich nicht Lügen straft, sind diese Lande nicht zu besiedeln. Asche, flüssiges Gestein, marternde Hitze und Dampf so weit das Auge reicht. Fürwahr hege ich Zweifel, ob jenes Unterfangens.“
Forn sah Dorgan verlegen an und strich sich durch seinen vollen Bart.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und fuhr sich mit seinem Finger über die lange Narbe, die von der von seiner Augenbraue bis hinunter zum Mundwinkel verlief.
„Sage mir, mein Freund“, flüsterte Dorgan, „weißt du um die Absichten des Königs?“
Forn räusperte sich und schüttelte den Kopf.
„Nicht mehr, denn du selbst. Wer sind wir, die Befehle unseres Königs in Frage zu stellen?“
„Gewiss. Mein König befielt es, so will ich ihm gehorchen, doch sehe ich keinen Sinn darin, so viele Männer in jene Lande zu entsenden. Womöglich vermag ich ihn vom Gegenteil zu überzeugen und ihn zum Einlenken zu bewegen?“
Dorgan zog sein Lederwams zurecht und trat an die Tür heran.
Er holte tief Luft und hob den Arm.
Geschwind packte Forn ihn an jenem und schüttelte den Kopf.
„Halte ein, mein Freund“, sagte er und zog ihn sanft von der Tür zurück.
„König Sajams Nervenkostüm ist dünn und er erzürnt recht leicht, so ihn jemand versucht zu behelligen.“
Dorgan sah Forn argwöhnisch an.
„Fordere ihn nicht heraus“, fügte der hinzu.
„Die Worte des Königs, so absurd sie zu klingen vermögen, vermag ich wahrlich anzusehen.“
Ich will ihn an meiner Seite wissen, sogleich der Stab der Macht dereinst in meinen Händen liegt. So des Königs Worte wahrlich sind, ist er zu erreichen. Bralan wird frei sein und Dorgan wird an meiner Seite stehen, da unser Land sich von Garan freisprechen wird. Diese einmalige Gelegenheit darf nicht vergeben werden. Dorgan ist ein herausragender Kämpfer. Mit seiner Hilfe vermag ich mein Ziel zu erreichen und den Gefahren zu trotzen, die vor uns liegen.
„Forn?“, fragte Dorgan und klopfte ihm gegen die Brust. „Siehst du just berückende Damen vor deinem geistigen Auge?“
Er lachte laut los.
Forn lächelte und schüttelte den Kopf.
Er legte ihm die Hand auf die Schulter und räusperte sich.
„Mein guter Dorgan. Mein Bruder. Bitte begleite mich. Ich werde deine Unterstützung brauchen. Willst du einem Freund diese Bitte abschlagen?“
Dorgan stand mit stolzgeschwellter Brust vor ihm und schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nun, so mein Freund mich bittet, will ich ihn begleiten.“
Wenige Stunden später war die Order an die Soldaten durchgedrungen.
Fünfhundert Mann versammelten sich vor dem Haupttor in Rerin.
Sie waren bereit, den Befehlen des Königs und ihrer Kommandanten Forn und Dorgan Folge zu leisten.
Die Stimmung unter den Männern war gelassen, und die Moral war hoch. Die Bereitschaft, für ihre Heimat neue Gebiete einzunehmen, ungebrochen.
„Sie werden dereinst Lieder über uns singen, Städte werden unsere Namen tragen und in den Straßen werden sie zu unseren Ehren Denkmäler errichten!“, stimmte Forn sie auf die bevorstehende Reise ein.
Ihre Lastentiere mit Vorräten befüllt, schritt die Armee durch das Tor Rerins.
Mütter weinten um ihre Söhne, Frauen um ihre Männer und Kinder um ihre Väter.
Einige würden einander wohl erst wieder in der Dortwelt wiedersehen.
Die Armee stapfte im Gleichschritt aus Rerin hinaus und schritt den steinigen Weg gen Nordosten.
Alsbald betraten sie den an Rerin angrenzenden Neherwald.
Dorgan hielt einen Moment inne.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
Sein freudiges Gemüt wich einer angsterfüllten Miene und er verstummte.
Nachdenklich und seufzend sah er sich um, bis sein Blick jenen von Forn kreuzte.
„Erinnerungen sind allein Bilder von Vergangenem, Dorgan.“
Er klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.
Wortlos trotteten sie weiter in den Wald hinein.
Jäh blieb Dorgan auf der Stelle stehen.
Er senkte seinen Kopf und tat langsam einen Schritt nach dem anderen in Richtung eines Baums.
Die Rinde war mit tiefen Kratzspuren übersät. Er stand einige Augenblicke regungslos da und musterte das Holzgewächs.
Er seufzte leise und murmelte in sich hinein.
Forn näherte sich.
„Was ist hier passiert, Dorgan?“, fragte er und strich sich durch seinen vollen Bart.
Der schüttelte schweigend den Kopf.
Forn trat näher an ihn heran.
„War es derweil deiner Prüfung des Leides?“, flüsterte er.
„Hier ... verlor ich beinahe mein Leben“, stotterte Dorgan.
Langsam strich er mit der Hand über die Rinde des Baums.
„Einen Anführer machten sie aus mir. Und doch bin ich allein ein Feigling“, murmelte er leise.
Forn trat einen Schritt auf die Seite.
„Dorgan, mein Freund. Wir kennen einander annähernd zehn Zwölfmonde. Du bist einer der fähigsten Krieger Bralans. Du hast Herz, du hast Aufopferung in dir, du bist der Kommandant der königlichen Leibwache. Und du bist mein Waffenbruder.“
„Der Dretuú hätte mich um Haaresbreite getötet. Feige wie ein kleiner Junge versteckte ich mich in einem Loch des Stamms.“
Forn hielt inne und lauschte weiter Dorgans Erzählung.
Er ist im Gedanken verloren und vernimmt meine Worte nicht länger.
„Das Kreischen des Ungeheuers. Wild um sich schlagend und schnaubend. Ich erinnere mich deutlich daran. Seine seelenlosen Augen, die großen Pranken. Speichel tropfte aus seinem lippenlosen Maul, Fetzen seiner letzten Beute klebten an seinen spitzen Zähnen. Ganze Holzstücke riss es aus dem Baum. Der Dretuú verfehlte mich mit jedem Hieb, so sehr presste ich mich gegen die Innenwand. Doch einer seiner Schläge erwischte mich.“
Er hob seinen rechten Arm.
„Stammt deine Narbe daher Dorgan?“, fragte Forn.
„Der Dretuú schnappte nach mir. Er war regelrecht angestachelt. Fast war es um mich geschehen, doch hatte ich Glück.“
Forn legte seine Hand auf Dorgans Schulter.
„Nur weiter.“
„Derweil er seinen Kopf in das Loch stopfte, um mich mit seinem Maul zu schnappen, verhakte sich eines seiner Hörner. Er riss so wild hin und her, dass es brach. Unter lautem Kreischen wand sich die Kreatur am Boden.“
Forn nickte wortlos.
„Ich griff danach, fasste Mut und sprang aus meinem Versteck. Wie von Sinnen stach ich auf den Dretuú ein. Getötet durch sein eigenes Horn. Selbst in jenem Moment, da sein Kreischen verstummte, rammte ich es weiter in seinen Körper. Wieder und wieder.“
„Es verlangte, dies zu tun, Dorgan. Es hieß du andernfalls der Dretuú.“
Forn klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich bin freudvoll, dass du es warst, der diesen Kampf siegreich verließ.“
„Siegreich? Ich bin kein Sieger! Es war Glück und ich war feige. Der König ernannte mich zum Kommandanten seiner Leibwache, doch welch Kommandeur ginge nicht erhobenen Hauptes in einen scheinbar aussichtslosen Kampf?“
„Und doch stehst du hier vor mir, mein Bruder“, sagte Forn und drehte sich um, „und diese Männer hinter uns blicken zu dir auf, sind bereit, jeden deiner Befehle umgehend zu befolgen, und würden für dich in den Tod gehen. Sie respektieren und verehren dich, nicht allein ob deiner Leistungen da der Prüfung des Leides.“
„Ich verdiene ihren Respekt nicht. DU bist ihr Anführer Forn!“
„Siebenundzwanzig Tage, Dorgan. Niemand zuvor erreichte je mehr in der Prüfung des Leides. In dir steckt ein großer Krieger mein Bruder.“
Forn legte seinen Arm um Dorgans Schulter, zog ihn zu sich heran und schüttelte ihn sanft.
„Gleichwohl man, ob deiner schlaksigen Statur, keine Angstschreie auszustoßen vermag.“
Forn lachte laut los und klopfte ihm ein weiteres Mal freundschaftlich auf die Schulter.
Dorgan atmete tief durch, schmunzelte und nickte Forn zu. Schweigend eilten sie zum Rest der Armee zurück.
Sie durchliefen den Neherwald und erreichten wenig später die Schlammbrücke.
Schweigend überquerten sie die Brücke aus Stein in Richtung Osten und gedachten der Toten des Kriegs der Könige.
Forn sah sich nachdenklich um.
„Wären unsere Mannen indes nicht auf die List König Enges’ hereingefallen, wohl wäre Bralan heute frei vom Joch Garans.“
Sie übertraten die Grenze und wurden prompt von den Soldaten des Grenzpostens aufgehalten.
Unsanft schlug einer der Männer Forn gegen die Brust, um ihn zum Anhalten zu bewegen.
„Und wohin gedenkst du zu gehen, Bralaner?“, sagte er und lachte lauthals. „Dazu mit einer Armee im Rücken?“
„Ich sage dir, die trachten danach, in Garan einzufallen, Harel“, sagte der andere Soldat süffisant.
„Dünkt es dir dies, Sernol? Mich deucht, es verlangt mich, ihn nochmal zu fragen.“
Harel sah Forn zornig in die Augen.
„Ist es so, Bralaner?“, fragte er. Seine Stimme bebte bedrohlich.
„Trachtet ihr danach, in unser schönes Garan einzufallen?“
Forn schüttelte den Kopf und griff in seine Tasche.
„Langsam, Bralaner! Überlege genau, was du jetzt tust!“, rief Sernol drohend und griff nach seinem Schwert.
Forn zog ein Pergament heraus und zeigte es Harel.
„Wir sind hier auf Geheiß des Königs Sajam Foran.“
Hastig riss der Soldat das Schreiben aus Forns Hand. Indessen er es las, murmelte er leise die darauf geschriebenen Worte.
„So so, nach Rongvar sucht ihr zu gelangen“, sagte er und musterte Forn abfällig.
„Sieh dir das an, Sernol. Freies Geleit! Der Truchsess dieses Packs verlangt freies Geleit!“, spottete Harel.
Er zeigte auf das Schreiben und beide lachten laut los.
Forn hielt inne.
Bewahre Ruhe. Sie sind es nicht wert. Mein Ziel ist ein höheres.
„Lassen die Herren uns passieren oder fordert ihr unsere Umkehr?“, fragte Forn unmissverständlich.
Dorgan trat an Harel heran.
„König Sajam wird dies wohl dem Großkönig Brides Foran weiter vermitteln. Trachtet ihr, dies zu verantworten, meine Herren?“
Die beiden Soldaten sahen sich schweigend an.
Urplötzlich warf Harel das Schreiben auf den Boden und spuckte Forn vor die Füße.
„Geht mir aus den Augen, Bralaner!“, rief er zornig. „Bleibt auf dem Hauptweg, so Ihr und Eure Anhängsel euch Ärger ersparen wollt, oder einen Dolch im Rücken!“
Forn und Dorgan verbeugten sich höflich und grüßten zum Abschied.
„Weiter, Männer!“, rief Forn und schritt voran.
Die Soldaten folgten ihm wortlos im Gleichschritt. Stets den Weg zur Hauptstadt Garans entlang.
„Ich hasse diese Mistkerle“, sagte ein Soldat zum anderen, derweil sie weiter landeinwärts marschierten.
„Ich wünschte, unser schönes Bralan wäre siegreich aus dem Krieg der Könige hervorgegangen. So müssten wir uns heute nicht diese Schmähungen gefallen lassen.“
Hinter ihnen zwängte sich ein Bogenschütze hindurch und klopfte seinem Kameraden auf die Schulter.
„Fürwahr Darban, mein Bruder. Ginge es nach mir, würde ich jeden Mann, der eine garansche Rüstung trägt mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen erledigen.“
Sie sahen einander an und lachten hämisch.
Forn hielt inne und blieb einen Moment auf der Stelle stehen.
Er wartete, bis die lästernden Soldaten an ihm vorbei trotteten und ging neben ihnen her. „Meine Kameraden“, sagte er leise, „achtet auf eure Worte.“
Die Soldaten senkten beschämt ihre Häupter.
„Verzeiht meine unbedachte Aussage, Kommandant Forn“, erwiderte der Bogenschütze.
„So nur ein Späher Garans euch bei jenem Geplänkel hört, habt ihr euer Leben verwirkt. Trachtet ihr danach?“, fragte Forn mit strengem Blick. Sie schüttelten wortlos ihre Köpfe.
„Dort vorne! Ich erkenne die Wehrgänge und das Eingangstor Rongvars!“, rief ein Soldat aus der Menge.
„Schweigt nun still, meine Brüder!“, sagte Forn mit mahnendem Tonfall.
„Und haltet inne. Lasst eure Gedanken bei euch.“
„Jawohl, Kommandant Forn“, erwiderten sie einstimmig.
Die Armee blieb vor der Hauptstadt Garans stehen.
Sie schwiegen und betrachteten ehrfürchtig die hoch gebauten Mauern.
Der Wind säuselte leise und wirbelte ihnen den Staub der kargen und steinigen Umgebung in die Augen.
Forn trat vor das Tor.
„Seid ihr des Wahnsinns, hier mit einer Armee aufzukreuzen?“, schrie der Torwächter. „Kehrt um oder, bei den Göttern, ich lasse die Bogenschützen einen Pfeilhagel entsenden!“
„Mein Name ist Forn Andrasvár, Heerführer der Armee Bralans und Kommandant dieser Expedition!“
„Selbst, so Ihr des Großkönigs Adjutant wärt. Kehrt sofort um, elende Drecksbande!“
„Mein Herr, wir erscheinen auf Geheiß des Königs Sajam Foran. Dies Schreiben beweist es. Rongvar soll uns Obdach und Vorräte bieten.“
Forn hielt deutlich das Pergament in die Höhe.
Die Torwache gab ihm ein Handzeichen und nickte einer anderen Wache zu. „Öffnet das Tor!“
Mit einem lauten Ächzen schob sich das Tor einen Spalt weit auf.
Die Torwache trat heraus und stampfte energisch auf Forn zu.
Der hielt dem Wachmann das Pergament entgegen und sogleich riss der es ihm zornig aus der Hand.
„Expedition, Freies Geleit, Obdach für eine Nacht, Vorräte ... Gezeichnet König Sajam Foran“, murmelte die Torwache.
Er warf das Pergament auf den Boden und sah Forn tief in die Augen.
„Eure Waffen verweilen nebst dem Tor. Ihr geht nicht weiter, denn in den Volksring in die Stadt hinein. Ihr leistet unseren Befehlen ohne Widerworte Folge. Befolgt dies und ihr verlasst Rongvar im Morgengrauen lebend, oder ich schwöre, andernfalls karren sie Euch auf den Mistwägen der Leichensammler aufgestapelt hinaus.“
Forn verbeugte sich vor der Torwache.
„Gewiss, mein Herr. Wir werden tun, wie uns geheißen“, sagte er mit freundlichem Tonfall.
Bei ihrem Eintreffen in Rongvar wurden die Männer von den Bewohnern der Stadt mit allerlei Essensresten sowie Steinen beworfen.
Der Hass auf Bralan war seitens der Garaner ungebrochen.
„Verschwindet hier, Abschaum!“, schrie eine alte Frau erbost und warf ihnen vergorenes Obst entgegen.
Um die Bralaner herum sammelte sich schnell eine aufgebrachte Menge. Kinder sammelten Matsch vom Boden und schmissen ihn nach Forn.
„Wer den glatzköpfigen Riesen an seinem Kopf trifft, hat gewonnen!“, brüllten ein Junge und alle lachten hämisch.
„Raus mit dem bralanschen Dreck!“
Ein zorniger Bauer schwang seine Heugabel und lief auf die Soldaten zu. Er schlug mit dem Stiel nach ihnen.
Zornig schnaubte ein bralanscher Soldat ihm entgegen und griff nach einem Dolch, den er vor den Wachen Rongvars versteckt hatte.
Hastig stürmte Dorgan auf ihn zu und hielt seinen Arm fest.
Er sah ihm tief in die Augen und schüttelte den Kopf.
„Hängt sie oder werft sie hinaus!“
„Die haben hier nichts verloren!“
Immer mehr Bürger Rongvars kamen heran und warfen mit Unrat und Essensresten nach ihnen.
„Diese Bralaner bringen allein Ärger und Krankheit!“
Eine Frau stapfte schnellen Schrittes auf die Kinder heran, die noch immer Matsch nach Forn warfen und dabei lachten.
Sie zog sie an den Schultern zu sich heran und drängte sie von dannen.
„Passt auf eure Kinder auf“, rief sie, „ehe sie sie schänden!“
Die Soldaten Garans lachten und stachelten die Bürger des Volksringes weiter an.
Die Männer der Bralanschen Armee hielten sich schützend die Hände vor Ihre Gesichter und klopften sich angewidert die stinkenden Reste des Unrats von ihren Rüstungen.
„Dort könnt ihr schlafen“, sagte einer der Garaner und zeigte auf einen Viehstall.
„Im Dreck müsst ihr euch doch am wohlsten fühlen.“
Er lachte laut los.„Und solltet ihr zu wenig Platz haben, so schlaft eben eng umschlungen ihr Männerliebhaber.“
Die Menge lachte hämisch und zeigte auf die Männer Bralans.
Forn verbeugte und bedankte sich.
Ein Bürger Rongvars lief vor die aufgebrachte Menge und entledigte sich seiner Hose.
Er lehnte sich zurück und urinierte vor die Bralaner auf den Boden.
„Falls es euch des Nachts dürstet“, brüllte er.
Die Menge jubelte ihm zu und applaudierte.
Forn öffnete ruckartig den Eingang des Stalls und gab den Soldaten ein Zeichen, diesen zu betreten.
„Bettet euch zur Nachtruhe!“, rief er seinen Mannen zu, die diesem Befehl sofort nach kamen.
„Üble Träume, ihr minderwertiges Pack!“, rief eine Bäuerin zornig und spuckte den Männern nach.
Sie sperrten sich im Viehstall ein und versuchten, in den beengten Verhältnissen eine geeignete Schlafmöglichkeit zu finden.
Keuchend und hustend hielten sie sich die Hände vor ihre Gesichter.
Sie würgten, ob des Gestanks, der im Stall herrschte.
„Hier wurde seit Tagen nicht geräumt“, ächzte ein Soldat, ehe er sich erbrach.
„Alles voll Mist und Dreck der Viecher“, flüsterte Dorgan, da er sich angewidert umsah.
Der Ablass zur Jauchegrube war mit Heu und Fäkalien verstopft. Um ihn herum hatten sich Ausscheidungen gesammelt.
Das Summen der unzähligen Fliegen schallte durch den Stall.
„Kommandant Forn“, sagte einer der Mannen leise, „ich trachte nicht danach, hier zu nächtigen.“
Forn trat nah an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Halte nur diese eine Nacht aus. Ich verstehe deinen Unmut, doch unter freiem Himmel in Rongvar zu nächtigen, käme einem Todesurteil gleich.“
Ein anderer Soldat trat an Forn heran.
„Sie würden es nicht wagen!“, erwiderte er mit weit aufgerissenen Augen.
Forn hob eine Augenbraue und seufzte.
„In Garan haben wir keine Freundlichkeit zu erhoffen. Fordern wir es besser nicht heraus.“
„So lasst uns morgen so früh wie möglich aufbrechen.“, rief ein Pikenier, der sich in eine Ecke des Stalls zurückgezogen hatte. „Diesen unbändigen Hass haben wir nicht verdient.“
Forn nickte und zwängte sich zwischen den Männern hindurch.
Er tat vorsichtig einen Schritt nach dem anderen, um seine Stiefel nicht mehr denn nötig mit Unrat zu besudeln.
„Bleib besonnen, mein Bruder“, sagte er laut und blieb inmitten der Männer stehen.
„Wir werden Rongvar vor dem Morgengrauen verlassen, derweilen es noch tief schläft.“
Am nächsten Morgen krähten die Hähne und zeigten schon früh die Ankunft eines neuen Tages.
Die Sonne hatte sich erst wenig am Horizont erhoben.
„Aufgewacht, Männer. Noch schläft Rongvar“, sagte Dorgan, indessen er einige der Krieger unsanft aufrüttelte.
Nach und nach weckten sie einander und bereiteten sich rasch auf den Abmarsch vor.
Forn öffnete langsam das Tor des Viehstalls und sah sich um.
„Zumindest die versprochenen Vorräte sind aufgereiht“, sagte er.
Schnell wandte er sich seinen Mannen zu und gab das Zeichen zum Aufbruch.
Sie traten in Formation an und marschierten geradewegs zum Ausgang. Vom Lärm der klappernden Rüstungen aufgeweckt, schrien die unsanft geweckten Bewohner den Bralanern allerlei Schimpfwörter und Hassbekundungen nach.
Die Männer ignorierten den Hass, den man ihnen entgegenbrachte, und marschierten schnellen Schrittes weiter zum Haupttor Rongvars.
Alsbald sie die Tore durchqueren, kletterte eine der Wachen von ihrem Aussichtsposten herab und trat hastig an Dorgan heran.
„Du hast aber schöne Schwerter. Gleich deren zwei. Du brauchst doch allein eines. Gib mir dein anderes Schwert!“
Dorgan schüttelte den Kopf.
Er versuchte, wortlos weiterzugehen, doch urplötzlich zog ihn die Wache ruckartig an einem Riemen seines Lederwamses zurück.
„Hast du nicht gehört, Bralaner?“, fauchte der Mann zornig. „Ich will eines deiner Schwerter!“
Er zückte einen Dolch und presste ihn fest gegen Dorgans Kehle.
Der hielt inne und bewegte sich nicht.
Forn trat an die Wache heran.
„Mein Herr, seid Ihr dessen gewahr, wessen Schwert ihr da begehrt?“
„Was interessiert mich der Name dieses Hundegezüchts? Ich will eines seiner Schwerter und wenn ich es nicht bekomme, wird er mir nach seinem Tod beide überlassen. Was gedenkst du denn dagegen zu unternehmen, Bralaner?“
Die Wache sah Forn abwertend an und lachte hämisch.
„Gestattet mir, Euch einander vorzustellen. Der Mann, dessen Leben Ihr jäh bedroht, ist Dorgan Mor, seinerseits Kommandant der Leibwache König Sajam Forans. Ihr seid dem Umstand gewahr, dass er, einem Teil der Prüfung des Leides entsprechend, zehn Krieger auf einmal tötete und diese siebenundzwanzig Tage lang erduldete?“
Die Wache hielt mit aufgerissenen Augen inne.
Sie presste den Dolch fester an Dorgans Kehle.
„Du wagst es nicht, in unserem Land, in unserer Stadt gegen einen der unseren Hand zu erheben“, stotterte die Wache nervös.
„Ihr würdet allesamt abgeschlachtet wie Vieh!“
„So nennt mir nun bitte Euren Namen, mein Herr“, sagte Forn mit ernstem Tonfall.
„Brejan“, erwiderte die Wache stotternd.
„Nun, mein Herr Brejan. Es mag sein, dass unser Zwist das Leben aller der hier anwesenden Männer fordern würde. Fürwahr bliebe diese Unstimmigkeit nicht ohne Folgen für unser beider Länder. Doch würdet Ihr nichts davon erleben.“
„Was meint du, Bralaner?“, fragte Brejan. Er sah sich nervös um.
„Nun, Ihr wärt längst tot.“
Dorgan hatte still eines seiner Schwerter gezogen und mit der Spitze voran an Brejans Bauch gehalten.
Langsam senkte der seinen Dolch und stieß Dorgan von sich weg.
„Verschwindet von hier, dreckiges bralansches Pack!“, schrie er und spuckte vor ihm auf den Boden.
Dorgan drehte sich zu dem Wachmann um und verbeugte sich höflich.
„Gehabt euch wohl, Herr Brejan“, entgegnete er.
Forn tat es ihm gleich.
Schnell verließen sie Rongvar und Forn rief seinen Männern zu, außerhalb der Stadt ihre Marschformation einzunehmen.
„Sobald der letzte von dem Pack das Tor passiert hat, schließt es unverzüglich!“, schrie Brejan.
„Lange genug verlangte es uns, deren Gestank zu ertragen.“
Er drehte sich um und kletterte schnell auf den Aussichtsturm des Wehrgangs zurück.
„Um Haaresbreite, Forn“, flüsterte Dorgan. „Beinah hätte ich einen schwerwiegenden Fehler begangen.“
„Gräme dich nicht, Dorgan“, lenkte Forn ein.
„Dieser Dreckskerl vermochte nicht mehr, denn zu bellen, wie ein kleiner Hund. Der hätte sich nicht getraut, dir etwas anzutun.“
„Doch dieser unbändige Hass Garans auf unsereins. Beinah neunhundert Zwölfmonde vergingen seit der Erstkönigin Bejinas Freitod und dem Ausbruch des Kriegs der Könige. Dennoch, so scheint es, wüchse er mit jedem Tag.“
Dorgan seufzte und sah traurig auf die Mauern Rongvars zurück.
„Wir werden es erleben, dass Bralan dereinst seine Unabhängigkeit wieder erlangt“, erwiderte Forn. „Ich bin davon überzeugt.“
„Bei den Göttern, zu gerne wünsche ich, deinen Traum wahrhaftig zu wissen.“
Forn nickte Dorgan zu.
Es wird nicht allein ein Wunschtraum bleiben mein Freund.
Er gab den Befehl zum Abmarsch und rasch setzte sich die Armee in Bewegung.
Sie marschierten Richtung Osten, wo sie nach weiteren acht Tagen die ersten sandigen Dünen der Wüstenlandschaft Vreen erblickten.
Die Männer standen still und spähten in die leere Ferne.
Sie tuschelten untereinander.
Erste Unsicherheit zeigte sich unter ihnen. Nie zuvor erlebten sie den Anblick einer toten Ebene.
Vereinzelt ließen sie ihrem Unmut freien Lauf.
Die Soldaten sahen einander mit weit aufgerissenen Augen an.
„Allein Sand, so weit das Auge reicht“, stammelte einer.
Ein anderer wandte sich ihm zu und schüttelte seufzend den Kopf. „Du hast recht, Lerner. Ich erkenne keinen Baum oder Strauch.“
Sie hielten still inne und starrten verzweifelt in die Ferne.
Dorgan drehte sich um und beobachtete die Männer.
Langsam bewegte er sich auf sie zu und lauschte ihren Worten.
„Es ist bloß ein weites Nichts“, sagte ein Bogenschütze und sah sich nervös um.
Dorgan wandte sich ihm zu und räusperte sich.
„Beruhige dich, Gusret“, sagte er. „Mit Sicherheit sind es nur wenige Tage, die wir durch Vreen marschieren werden.“
„Mit Verlaub, Kommandant Dorgan“, erwiderte der.
„Wo sollen wir denn hin?“
Er trat einige Schritte aus der Formation heraus und richtete seinen Blick gen Himmel.
Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Hand vor sein Gesicht.
„Wie sollen wir dieser Hitze widerstehen?“, sagte er zu sich selbst.
„Weshalb schickt man uns durch dieses Ödland? Kennt denn jemand den richtigen Weg“, rief ein Schwertkämpfer und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Darob sorgst du dich, Ritek? Elendig verdursten werden wir!“, erwiderte ein Pikenier seufzend.
Die Stimmung kippte und die Verzweiflung breitete sich innerhalb der Armee aus.
Dorgan trat an sie heran und versuchte, sie zu beruhigen.
Er schwieg und schenkte den aufgebrachten Männern seine Aufmerksamkeit.
Sollen sie ihrem Unmut freien Lauf lassen. Womöglich hilft es ihnen.
Forn drehte sich um und beobachtete die Männer.
Die Moral unter ihnen sinkt. Ich komme nicht umhin, sie erneut zu motivieren.
„Meine Kameraden, meine Brüder!“, rief er ihnen entgegen.
Die Männer verstummten und lauschten ihrem Kommandanten.
„Verzweifelt nicht! Wir waren uns um diesen langen und schwierigen Weg, der vor uns liegt, gewahr. Doch wir, Männer Bralans, trotzen dieser Gefahr. Sind nicht wir es, die als die Stärksten gelten? Seht in euch selbst hinein. Ihr alle kennt das Gefühl von Hunger und Durst, habt ihr dies doch alle in der Prüfung des Leides ertragen. Und ihr wart dieser Qual Herr. Verzagt nicht, meine Brüder. Wir werden diese Wüste durchqueren und wenn wir im Osten die Ufer des Rii erreicht haben, können wir voller Stolz auf dies, von uns zusammen Geschaffte, zurückblicken. Für Bralan!“
Still lauschten sie Forns Ausführungen.
Mit jedem Wort, das er sprach, schienen sie neuen Mut zu fassen.
Sie nickten energisch, ehe sie sich in geschlossener Formation aufreihten.
Voller Selbstvertrauen klopften sie sich auf die Brust und brüllten inbrünstig im Einklang.
„Für Kommandant Forn! Für Bralan!“