„Dies ist eine schöne Geschichte, Großvater“, sagte das kleine Mädchen.
Ihre Augen funkelten vor Freude und sie spielte mit ihrer Zunge in der Zahnlücke, an der ihr am selben Tag ein Eckzahn ausgefallen war.
In ihr Bett gekuschelt und eingehüllt in eine Decke aus Tierfell, lauschte die kleine Larna fast jede Nacht den Geschichten ihres Großvaters Forn Andrasvár.
Nur zu gerne erzählte der große alte Mann von jener Zeit, in welcher er der Kommandant der Armee Bralans gewesen war.
Er berichtete von seinen Reisen durch Arenbór und von den zahlreichen Tieren, die er dabei gesehen hatte und von den Ländern und den verschiedenen Arten, die dort lebten.
Nur jenes, welches das Mädchen, dessen er sich liebevoll nach dem Tod ihrer leiblichen Eltern angenommen hatte, erheblich zu erschrecken drohte, hielt er vor ihr verdeckt.
Ihre Augen leuchteten nach jedem Wort, das der alte Mann sprach, und sie ließ ihrer Fantasie freien Lauf.
„Ich werde mit einem S’kila einen Wettkampf im Bogenschießen bestreiten und einen Ribá vor einem Dretuú retten“, unterbrach ihn das Mädchen in dessen Erzählung. Sie hatte sich aus der Decke gewunden und sprang aufgeregt auf und ab. Sie tat so, als würde sie ein Schwert schwingen.
„Und du wirst sehen, Großvater“, sagte sie entschlossen, „ich werde Frieden über Bralan und Garan bringen.“
Sie setzte sich und kaute an ihren Fingernägeln.
„Hast du je einen Warasen gesehen?“, fragte sie und zappelte aufgeregt umher. „Wird mir ein Ribá wohl dereinst etwas Magisches zeigen? Sag schon, Großvater!“
Forn lächelte, wischte sich über das kahle Haupt und nahm das Mädchen in den Arm.
„Nun, liebe Larna“, sagte er mit krächzender Stimme und zwinkerte ihr zu, „in meinem Leben las ich in der Tat schon vieles, hörte und sah Zahlreiches.“
Er lächelte und streichelte ihr Haupt. „Du bist jung. Womöglich wirst du, da du dereinst mein Alter erreichst, selbst ein Enkelkind haben, welches so wissbegierig ist wie du.“
Larna lächelte und nickte.
„Dereinst wirst du bestimmt schon so vieles erlebt haben, wie ich und vermagst womöglich noch mehr zu erzählen.“
Er strich Larna freundlich über die Wange und umarmte sie.
Gleichwohl du nicht meinem Blute entspringst, so liebe ich dich dennoch gleich meines Eigenen. Du bist meine Familie.
„Großvater? Du erzähltest mir nie von den Landen, nördlich der vier Regionen der S’kila. Und welche Wesen dort wohl hausen. Du sprichst stets von einem Fluss, der ebenda verläuft und der die Grenze der Lande der S’kila ist, jedoch nie davon, was sich auf der anderen Seite befindet.“
Urplötzlich wich der entspannte und glückliche Blick des alten Mannes. Ein Schaudern ging ihm über den Rücken und er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
Diese Bilder. Ich sehe sie, gleich sie erst gestern passierten.
Er räusperte sich und rümpfte die Nase. Sichtbar nervös strich er sich durch seinen mit einem grauen Schimmer überzogenen dunklen Bart und sogleich über sein kahles Haupt.
Leid, Kummer, Schmerz und Tod. Das Bild meines einst besten Freundes und wie er, verbrannt bis auf die Knochen und schließlich zu Staub zerfallen, vor mir liegt. Dorgan. Mein guter Dorgan. Wie sehr es mich martert, was ich dir einst antat.
„Was ist, Großvater? Sag schon ... was gibt es denn dort?“ Larna rückte aufgeregt in ihrem Bett hin und her.
„Ach, mein Kind“, seufzte Forn und schüttelte den Kopf, „ein alter Mann vergisst oftmals das eine oder andere. Ich vermag nicht, dir darüber etwas zu erzählen, da ich dessen selbst nicht mehr gewahr bin.“
Mit zittriger Hand strich er die lange Narbe entlang, die von seiner Stirn, quer über sein Gesicht zu seinem rechten Mundwinkel verlief.
Er erhob sich mühsam und hob mahnend den Finger. „Nun ist aber Schlafenszeit“, sagte er bestimmt. „Keine Widerworte.“
Larna lehnte sich zurück und legte sich wieder hin. Widerwillig zog sie die Bettdecke an sich heran.
Forn lächelte und nickte.
Sanft zog er die Decke bis zu ihrem Hals und deckte sie ordentlich zu.
„Womöglich reist du eines Tages in jene Gefilde und erzählst es mir danach, da ich schon längst zerfallen bin, und als Geist mit Ketten vor deinem Bett herum spuke.“ Er hob die Hände an, krümmte die Finger und verzog gestellt boshaft seine Miene.
Larna lachte vergnügt und nickte.
Ihr Lachen ließ Forns Schauder weichen und er zwinkerte ihr zu.
Sogleich sie die Augen schloss, löschte er das Kerzenlicht mit kräftigem Pusten und ging leisen Schrittes aus dem Zimmer hinaus.
Jäh, da er die Türe hinter sich schloss, hielt er einen Augenblick inne und lehnte sich bedrückt gegen die Steinwand des Hauses.
Er musterte sein Schwert, das in dessen Scheide in einem Schwertständer am Ende des Raumes, vor einem durchgesessen, gepolsterten Stuhl, der vor einem Kamin aufgestellt war, stand.
Langsam ging er darauf zu und fuhr mit den Fingern den Knauf und letztlich den Griff entlang.
Er zog es aus der Scheide und starrte gedankenverloren auf die Schneide.
„Ich bete zu den Göttern, dass du jene Lande und die Kreaturen, welche dort leben nie zu Gesicht bekommen wirst“, sprach er leise und gedämpft in sich hinein.
Er umfasste fest den Griff und schwang es einige Male, ehe er in sich gekehrt innehielt.
Welch Dienste es mir einst leistete. Und welch Übel ich damit tat. Es hat viele Leben genommen. Gleichwohl ich die Ruhe meines Lebensabends genieße, vermisse ich, es im Kampf zu schwingen. Doch dieser Tage? Allein, da ich mein Haus verlasse, begleitet es mich. Ohne es fühlte ich mich unbehaglich.
Geruhsam ließ er das Schwert wieder zurück in die Scheide gleiten und seufzte.
Langsam hinkend wandte er sich dem Gang Linkerhands des Kamins zu, machte sich in sein Gemach auf und bettete sich zur Nachtruhe.
Das Bett ächzte leise und Luft blies aus der mit Schafswolle befüllten Matratze, da er sich langsam zurücklegte und ins Leere starrte.
Jene Bilder. Sie martern mich nach wie vor. Was nur habe ich meinen Mannen angetan? Meinetwegen mussten sie grausamen Tod erdulden. Vergebt mir, meine Brüder. Vergib mir, Dorgan.
Seine Augen wurden feucht und er sah einen Moment lang zur Decke des Hauses.
Allein meine Schuld war es, gleich welches Übel mich auch heimsuchte und lenkte. Mein Handeln und mein Zorn waren es, die ihnen dies antaten.
Er wischte sich die Feuchte aus den Augen, löschte mit einem kräftigen Pusten das Kerzenlicht und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Morgen öffnete Forn, geblendet von der aufgehenden Herbstsonne, die bei seinem Fenster hereinschien, die Augen.
Er schmatzte und streckte sich, ehe er sich erhob und seinen morgendlichen Gepflogenheiten nachging.
Sogleich er diese beendet hatte, gewandete er sich und schritt hinaus in den großen Raum mit dem Kamin, wo Larna bereits freudig lächelnd auf ihn wartete.
„Sieh doch, Großvater“, sagte sie und zeigte auf den kleinen Tisch, der liebevoll mit Holztellern und Besteck gedeckt war.
„Ich habe Brot von Bäcker Greidel geholt“, sagte Larna selbstsicher und zeigte auf den runden Laib, der wohl drapiert in der Mitte auf einem gestickten Tuch lag.
„Der Schlachter Hanto wollte mir dagegen keine Würste geben, da ich nur drei Kupferstücke bei mir hatte.“
Sie senkte enttäuscht ihr Haupt.
„Oh“, sagte sie urplötzlich und langte in die Jutetasche, die sie auf den Stuhl vor dem Kamin gelegt hatte.
„Dafür schenkte mir seine Gemahlin diesen Speck. Er mundete den Kundschaften wohl nicht.“
Sie kramte geschwind in der Tasche herum, zog den Speck hervor und reichte ihn Forn.
Der schnüffelte argwöhnisch daran und lächelte dem Mädchen zu.
„Knoblauch und Pfeffer. Mich deucht, der wird uns hervorragend munden. Hast du dich auch artig bei Frau Enella bedankt?“
Larna nickte eifrig. „Gewiss, Großvater.“
Forn streichelte ihr sanft das Haupt.
„Welch manierliche, junge Maid du wohl bist. Holst mündig das Frühstück und weißt dich genehm zu verhalten.“
Sie grinste und aus ihren Augen trat ein frohgemutes Leuchten hervor.
Geschwind hastete sie zur Tür hinaus und kam sogleich ächzend wieder zurückgestapft.
Sie trug einen Eimer Wasser und war bemüht, keinen Tropfen zu verschütten, doch hatte sie sich mit dem Gewicht übernommen.
„Ich ... habe ... uns ... Wa...“, stammelte sie ächzend und jählings stolperte sie und verschüttete nahezu gänzlich das Wasser.
Genant hielt sie die Hände vors Gesicht.
„Oh nein! Bitte verzeih, Großvater“, sagte sie geschockt und sah sich panisch um.
Forn lachte lauthals los und stieg vorsichtig über die Wasserlache hinweg zu einer kleinen Kommode.
Er zog eine der Schubladen an sich heran und holte einen Lappen daraus hervor.
„Hier“, sagte er und warf Larna diesen zu und schloss die Lade sogleich wieder, da sie ihn gefangen hatte.
„Sieh mich nicht derart grimmig an“, feixte er. „Du hast das Wasser verschüttet, somit ist es an dir, es aufzuwischen.“
Larna schnaubte, da sie mit sich selbst haderte und tupfte griesgrämig mit dem Lappen in der Lache umher.
Forn schüttelte den Kopf und ächzte sich mühend auf die Knie.
„Na los, gib schon her“, insistierte er und nahm ihr geruhsam den Lappen aus der Hand.
„Da wirft sich doch eher der Boden, ehe dies sorgsam getrocknet ist“, sagte er und grinste.
Larna beobachtete Forn in seinem Tun und hob den Eimer hoch.
„Ich hole derweilen Neues“, sagte sie und hastete zur Türe hinaus.
„Fülle ihn nur so weit, wie du ihn zu tragen imstande bist!“, rief Forn ihr hinterher und schüttelte lachend den Kopf.
Sie kam zurückgestapft, derweilen Forn sich wieder erhoben, und den Lappen über die Armlehne des Stuhls gelegt hatte.
„Diesmal verschütte ich nichts, Großvater“, sagte sie und stellte den Eimer neben den Tisch.
Aus einem kleinen Kästchen daneben holte sie einen hölzernen Schöpflöffel heraus und tauchte ihn in den Eimer Wasser ein.
„So. Nun noch zwei Becher“, sagte sie zu sich selbst und nahm von der Platte des Kästchens zwei Tonbecher herunter und stellte diese neben die Holzteller am Esstisch.
Sie schöpfte Wasser aus dem Eimer und goss es in die Becher.
„Fertig, Großvater. Zu Tisch“, sagte sie selbstsicher lächelnd und zog einen Stuhl zurück, sodass Forn darauf Platz zu nehmen vermochte.
Er nickte und verbeugte sich.
„Habt Dank, edle Maid“, sagte er und zwinkerte ihr zu.
Larna kicherte, machte einen raschen Knicks und nahm sogleich neben ihm Platz.
Er schnitt eine Scheibe Brot ab und ein Stück Speck und reichte es dem Mädchen.
„Lass es dir schmecken“, sagte er.
Sie nickte und verschlang gierig und schmatzend das Frühstück.
„Großvater?“, fragte sie und funkelte Forn mit großen Augen entgegen. „Erlaubst du, dass ich nach dem Essen Spielen gehe? Ich habe Kara versprochen, heute mit ihr zu sein.“
„Gewiss“, erwiderte Forn und nickte. „Doch sei zur Mittagszeit wieder zu Hause, hörst du? Ich will dich nicht erneut suchen müssen.“
„Bestimmt, Großvater. Ich verspreche es.“
Er schnitt eine weitere Scheibe Brot und ein Stück Speck zurecht und aß es, derweilen Larna genussvoll aus dem Becher schlürfte.
Da sie das Frühstück beendet hatten, sah sie Forn fragend an.
„Nun lauf schon. Ich räume den Tisch ab“, sagte er und zeigte zum Ausgang des Hauses.
Sie nickte, sprang hastig vom Stuhl auf und umarmte ihn.
„Gehab dich wohl, Großvater. Und bleib artig“, sagte sie und gab ihm einen Abschiedskuss auf die Stirn.
Der erwiderte die Geste, kniff ihr in die Wange und lächelte.
„Hab Spass, liebe Larna“, sagte er.
Lachend lief das Mädchen zur Türe hinaus.
Der Morgen war wie jeder in Heren zu dieser herbstlichen Zeit.
Die letzten verbliebenen Vögel zwitscherten sanft vor sich hin, ehe sie sich in die Lüfte erhoben, um in wärmere Gefilde zu ziehen.
Das Laub fiel von den Bäumen und der alte Molro kehrte stetig einen Haufen zusammen, der ihm immer wieder aufs Neue verlief. War es in großen Teilen die Schuld des Windes, so spielten ihm zeitweilen die Kinder Herens gerne einen Streich.
So grimmig der alte Molro über die Kinder schimpfte und ihnen eine Tracht Prügel mit seinem Kehrbesen androhte, so gefiel ihm dennoch jene Aufmerksamkeit, die er darob auf seine alten Tage bekam.
Larna nutzte jede sich ihr bietende Gelegenheit. An jenem Morgen wartete sie mit ihren Freunden still und heimlich hinter einem Baum.
Sie beobachteten Molro gespannt dabei, wie er seiner Arbeit nachging.
Er brummte leise ein Lied vor sich hin und rotzte unverschämt auf den Boden.
Erhobenen Hauptes blickte er auf den großen Haufen Laub, den er in mühevoller Arbeit zusammen gerecht hatte.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, strich sich durch sein schütteres Haar und ließ den Kehrbesen zu Boden fallen.
Sogleich klopfte er sich den Staub von seiner leinenen Gewandung und verschränkte die Arme.
„Mein Tagwerk ist damit getan“, brummte er selbstgefällig.
Jäh, da er sich umdrehte, um seinen Jutesack mit dem Laub zu befüllen, rannten die Kinder lachend hindurch. Die Blätter wirbelten umher und verteilten sich in alle Richtungen.
„Bei den Göttern! Ihr dreckige, vermaledeite Brut einer Liebesgardistin!“, brüllte er wütend.
Die Kinder kreischten und lachten laut los und verspotteten ihn. Sie begannen zu klatschen und zu tanzen.
„Der alte Molro kehrt so gern,
doch das Ende ist ihm viel zu fern.
Umsonst sein Werk für ihn nun ist,
von vorn beginnt der ganze Mist.
Das Laub tanzt wild im sanften Wind,
und wir verstecken uns geschwind.“
Im sicheren Abstand sangen sie und zeigten mit dem Finger auf ihn.
„Vermaledeite, elende Lausebande. Sogleich ich euch erwische, werdet ihr weder sitzen, weder zu stehen vermögen, so beträchtlich werde ich euch eure Kehrseite versohlen!“, schrie er mit hochrotem Kopf und seinen Kehrbesen schwingend.
Er hastete auf die Kinder zu. Ruckartig drehten sich diese um, und liefen brüllend in alle Richtungen davon.
Der alte Molro sah sich um und kratzte sich am Kopf.
„Einerlei!“, fauchte er den Nacken beugend und spuckte auf den Boden. „Ich leg mich hin. Sollen sie sich einen anderen suchen, den sie vermögen, zum Narren zu halten“, murmelte er zornig und verkroch sich in seine Hütte.
„Schnell, Kara“, flüsterte Larna zu ihrer Freundin. Sie hatten sich hinter einem Heuwagen versteckt und beobachteten kichernd den alten Mann.
„Lass uns in den Wald laufen.“ Sie zog ihre Freundin an deren Arm.
Kara nickte und kicherte.
Die beiden liefen geradewegs aus Heren hinaus. Die Bäume neigten sich in einer sanften Herbstbrise zur Seite und ihre Kronen raschelten im Wind.
„Heute sind wohl nur wenige Vögel wach“, sagte Kara und sah sich um.
Larna nickte und keuchte.
„Wollen wir Verstecken spielen?“, fragte Kara zaghaft.
„Nein!“, antwortete Larna energisch und schüttelte den Kopf. „Mit dir spiele ich nicht, denn du schummelst und kletterst auf Bäume oder kriechst in ein Erdloch.“
Sie stampfte auf. „So spielt man dies Spiel nicht.“
Kara trat nah an Larna heran und lächelte ihr entgegen.
„Heute nicht. Ich schwöre dir fest, dass ich mich nur hinter Bäumen und Büschen verstecke.“
Larna hob argwöhnisch eine Augenbraue und musterte sie.
„Komm schon“, feixte Kara und lachte. „Zähle bis zehn und dann suchst du mich.“
Sie kicherte und machte sich jählings davon.
„Nun gut“, seufzte Larna und lehnte sich gegen einen Baum. Sie nahm die Hände vor ihre Augen und begann zu zählen.
Am Ende angekommen, sah sie sich rasch um und holte tief Luft.
„Zehn! Ich komme!“, rief sie.
Larna suchte sorgsam nach ihrer Freundin und wagte sich dabei tiefer in den Wald hinein. Vorsichtig tastete sie sich voran und sah sich sorgfältig um.
Bestimmt hat sie mich überlistet und schummelt. So bezeichnend für Kara.
Allmählich wurde es Mittag. Die Sonne stand hoch und ihre Strahlen drangen vereinzelt durch die dichten Baumkronen. Noch immer suchte Larna nach ihrer Freundin, doch vermochte sie nicht, sie zu finden.
Leise drang ein Glockenläuten aus Heren.
„Kommt zum Essen!“ „Helto! Bero! Mittagszeit!“, schallte es leise aus dem Dorf.
„Pera! Es gibt Suppe!“
Die Mütter riefen nach ihren Kindern.
Larna drehte sich um und lauschte den Rufen, die aus dem Dorf kamen.
Wo mag sie nur geblieben sein? Sie versäumt niemals das Mittagsmahl. Ist gar früher denn jeder andere zu Hause, um ja den ersten Bissen zu erhaschen.
Verzweiflung breitete sich in ihr aus. Sie stapfte auf der Stelle umher und kratzte sich am Kopf.
„Kara! Ich spiele nicht länger mit dir!“, rief sie zornig.
Sie verschränkte die Arme und schnaubte wütend.
„Ich gehe nach Heren zurück und sage deiner Mutter, dass du beim Spielen schummelst und nichts zu essen haben möchtest!“
Sie grinste und hielt inne.
Jetzt kommt sie sicher heraus.
Entgegen ihrer Erwartung blieb ihre vermeintliche List jedoch unbeantwortet.
Die Rufe der Mütter wurden allmählich leiser. Der Geruch von gebratenem Fleisch, gekochtem Gemüse und frisch gebackenem Brot breitete sich rund um Heren aus.
Schließlich verstummten die Stimmen gänzlich und lediglich das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Blätter war noch zu hören.
„Kara?! Kara?! Das Essen wartet!“, schallte es unweit von Larna in den Wald hinein. Eine weibliche, mit Sorge erfüllte Stimme näherte sich langsam.
Larna drehte sich seufzend auf der Stelle umher und spähte in alle Richtungen.
Sie holte tief Luft.
„Komm endlich heraus, Kara! Dies ist nicht länger spaßig!“, schrie sie.
„Larna?“, schallte ihr eine Stimme entgegen.
„Frau Firiala“, sagte die und musterte die Frau, die gemächlich auf sie zuging.
„Wo ist Kara? Wir erwarteten sie längst bei Tisch.“
Larna sah sie zaghaft an und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich finde sie nicht.“
„Was soll dies bedeuten?“, fragte Firiala und sah sich argwöhnisch um.
„Ihr seid doch nahezu unzertrennlich. Weiß dein Großvater, der Herr Forn, dass ihr hier seid?“
Larna zupfte sich angsterfüllt an den Haaren und stapfte unstet auf der Stelle umher.
„Ich ... ich“, stotterte sie.
Unvermutet spürte sie, wie sie etwas an der Schulter packte und zu sich zog.
„Wo ist meine Tochter!? Sprich, du kleine Göre. Wo, bei den Göttern, ist Kara abgeblieben?“
Larna riss geschockt die Augen auf und versuchte, dem Griff zu entfliehen, doch vermochte sie nicht, sich diesem zu erwehren.
„Sie martern mich, Frau Firiala!“, schrie sie panisch.
Sie musterte die Frau erschrocken und hielt mit offenstehendem Mund inne.
Frau Firialas Augen. Was ist mit ihnen? Es ist schrecklich! So schwarz. Ich will das nicht.
Bang ob dessen, was sie sah, kreischte das Mädchen aus vollem Halse.
Die Frau schnaubte und schüttelte Larna so fest, dass ihre Zähne klapperten.
„Sprich, vermaledeite Göre!“, schrie sie.
„Wir ... wir spielten Verstecken“, stotterte Larna, „und ich ... ich vermag sie nicht zu finden.“
Sie schluchzte und weinte vor Angst.
„Lasst von dem Mädchen ab!“
Urplötzlich brüllte eine tiefe Stimme eindringlich in Richtung der beiden.
„Großvater!“, wimmerte Larna erleichtert.
Forn stapfte schnellen Schrittes an die Frau heran und zog geruhsam an ihrem Arm.
„Firiala“, sagte er mit sanfter Stimme, „so lasst das Mädchen gewähren. Grämt ihrer nicht.“
Sie schnaubte, doch ließ sie letztlich von dem Larna ab und sah sich verzweifelt um.
Die warf sich ruckartig an Forns Hüfte und zitterte vor Angst. Die Scheide seines Schwertes klapperte, da das Mädchen ihn einen Schritt zurück wanken ließ.
Sie musterte Firiala und versteckte sich schluchzend hinter ihm.
Die fasste sich urplötzlich an die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Wie war mir?“, flüsterte sie erschrocken zu sich selbst.
Sie beugte sich zu Larna hinab und versuchte, ihr über die Wange zu streichen.
„Vergib mir, Larna. Ich trachtete nicht, dich zu erschrecken“, sagte sie einfühlsam.
Die rückte jedoch zurück und wich verschüchtert ihrem Blick aus.
Forn legte Firiala die Hand auf die Schulter und lächelte ihr entgegen.
„Ihr wart wohl in Sorge ob eures Kindes. Mich deucht, Larna grämt Euch nicht.“
Das Mädchen presste sich eng an Forns Hüfte und versteckte ihr Gesicht hinter seinem Rücken.
„Euer Zorn war doch nicht von Nöten, ist Euch wohl gewahr, dass Kara stets die besten Verstecke findet. Bestimmt sitzt sie in der Krone irgendeines Baumes und kichert in ihre kleinen Hände.“
Forn strich dem Mädchen sanft über den Kopf und lächelte ihr zu.
„Weswegen weilst du noch im Wald? Vereinbarten wir nicht, dass du zur Mittagszeit nach Hause kommen sollst? Nun hast du mich erst recht in den Wald gehen lassen, um dich zu holen.“
Larna nickte und sah genant zu Boden.
Er beugte sich zu ihr hinab und streichelte ihr sanft über das Haupt.
„Geh zurück nach Hause, Larna. Dort wartet eine Karottensuppe auf dich.“
Das Mädchen nickte, wischte sich eine Träne vom Gesicht und lief geschwind zurück nach Heren.
Forn wandte sich indes Firiala zu und zog sanft an ihrem Arm.
„Folgt mir, Frau Firiala. Lasst uns nach Eurer Tochter suchen.“
„Bitte, Forn“, erwiderte sie verzweifelt und den Tränen nahe, „es verlangt, Kara zu finden. Wo, bei den Göttern, mag sie wohl geblieben sein?“
Forn schüttelte den Kopf und lächelte.
„Seid unbesorgt. Wir finden Eure Tochter.“
Gemeinsam machten sie sich auf, im Wald nach dem Mädchen zu suchen. Sie sahen in die Krone jedweden Baumes, drehten jeden größeren Stein, der ein Erdloch zu bedecken vermochte, um und durchstreiften das Gebüsch, doch war Kara nicht zu finden.
„Mich deucht, es wäre vernünftig, nach Heren zurückzugehen und Männer zu holen, die uns bei der Suche helfen“, sagte Forn.
„Nein“, erwiderte Firiala mit zitternder Stimme. „Was, wenn Kara mich sucht und ich in jenem Moment nicht zu gegen bin?“
„Seid vernünftig, Firiala“, sagte Forn mitfühlend. „Allein vier Augen vermögen nicht so viel zu erspähen, wie zahlreiche. Kommt und lasst uns geschwind weitere hinzuziehen, die vermögen, uns bei der Suche zu helfen“, fügte er hinzu und zog sie sanft an ihrem Arm.
„Nein“, erwiderte Firiala grimmig. „Ich suche weiter!“, sagte sie lauthals und stapfte zornig durch das Geäst.
Forn schüttelte den Kopf und seufzte.
Ich will sie nicht allein wissen. So wildes Getier auftaucht, vermag ich sie wenigstens zu beschützen.
Er klopfte gegen den Griff seines Schwertes und schloss schnellen Schrittes zu Firiala auf.
Die Stunden verronnen. Die Sonne war langsam, doch stetig, im Westen hinter den waldigen Hügeln untergegangen und die Nacht brach herein.
Jedoch war das Mädchen weiterhin nicht gefunden.
„Kara? Wo, bei den Göttern, bist du?“, krächzte Firiala leise. Ihre Stimme hatte durch die zahlreichen Rufe längst an Kraft verloren.
Schließlich sank sie auf die Knie und begann bitterlich zu weinen.
„Vermutlich ist ihr etwas zugestoßen“, schluchzte sie.
Forn trat an sie heran und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.
„Womöglich weilt sie längst zu Hause und wartet hungrig auf das Abendessen“, sagte er geruhsam.
„NEIN!“, erwiderte Firiala zornig. „Es drängt mich, sie zu finden!“, schrie sie wutentbrannt, stieß Forn beiseite und rannte ohne ihn tiefer in den Wald hinein.
Derweilen sie über die steinigen Wege lief, schrie sie mit letzter Kraft nach ihrem Kind.
Forn hetzte ihr hinterher.
„So wartet doch, Firiala!“, rief er.
„KARA! KARA! KA...“
Urplötzlich verstummten die Rufe und wichen einer unheimlichen Stille.
Forn näherte sich keuchend einer Lichtung und fand Firiala still stehend an einer Weggabelung vor.
„Den Göttern sei Dank, dass Ihr innehieltet“, keuchte er und stützte sich auf den Knien.
„Lasst uns nach Heren zurückkehren, Frau Firiala. In dieser Dunkelheit vermögen wir Kara nicht zu finden. Der Mond spendet uns gar wenig Licht.“
Er näherte sich ihr langsam.
„Kommt mit mir und des Morgens ...“
Forn schnappte jäh nach Luft und sah sich geschockt um.
Dieser Schatten. Es ist nicht der Ihre.
Urplötzlich brach Firiala leblos zusammen.
„Bei ... den ... Göttern“, stotterte er und riss geschockt die Augen auf.
Gleichwohl er selbst recht groß gewachsen, richtete er seinen Blick nach oben und sah in die weiß blitzenden Augen eines Ungeheuers.
„Ein Dretuú“, flüsterte er zu sich selbst.
Die Kreatur ließ ihren Blick nicht von Forn und fixierte den alten Mann.
Das Monster knurrte drohend und wetzte seine Krallen am steinigen Untergrund des Pfades. Schaum stand ihm vor seinem lippenlosen Maul und Speichel tropfte auf den Boden.
Sein langes schwarzes Fell war voller Staub und Erdresten, die sich darin verfangen hatten.
Forn war vor Schock erstarrt.
In diesen Landen?
Er sah sich um, doch stets ein Auge auf der Kreatur gelassen, die bedrohlich knurrte.
Wohl hat er sich gerade aus einem seiner unterirdischen Gänge an die Oberfläche gegraben. Eine Flucht ist aussichtslos. Mit einem Hieb würde mich diese Kreatur niederstrecken, sogleich ich ihr den Rücken zuwende.
Er zog sein Breitschwert langsam aus dessen Scheide.
Den Göttern sei Dank, wandere ich stets bewaffnet durch den Wald.
Das Scharren des Metalls gellte, getragen vom Rascheln der Blätter, umher.
Der Dretuú keuchte und schleifte mit seinen langen Armen am Boden. Sein tiefes Knurren fuhr Forn durch Mark und Bein.
Der hob seine Waffe hoch und streckte sie dem Monster entgegen.
„Ich stelle mich dir zum Kampf, du Ausgeburt des Feuergottes Argwont“, flüsterte er.
Der Dretuú hob seinen Kopf und stieß einige Schnalzlaute aus.
Wohl ist das Ungeheuer alleine und ruft nach seinem Rudel. Es drängt, es sofort zu töten.
Er brüllte dem Dretuú entgegen.
„Ich bin Forn Andrasvár. Einst Heerführer der Armee Bralans. Blicke deinem Tod ins Auge, Bestie!“
Langsam wechselte er seine Position und zog einen Kreisbogen um den Dretuú, das Ungeheuer dabei nicht aus den Augen lassend.
Die Bestie verweilte auf der Stelle, funkelte Forn wild knurrend entgegen und wetzte seine Krallen am Boden.
Vor ihm lag, in einer Lache aus Blut, Firialas lebloser Körper. Der Dretuú hatte ihr mit einem Hieb die Kehle zerfetzt.
Dieser Anblick. Armes Weib. Ich will es nicht ungesühnt lassen. Mich deucht, das Ungeheuer hat wohl auch das Kind erwischt.
Forn schnaubte vor Wut und stürmte brüllend auf die Bestie zu.
Mit einem schnellen Sprung versuchte der Dretuú dem Schlag auszuweichen. Er sprang über Forn hinweg und streckte seine Pranke von sich.
Forn schrie auf.
„Meine Schulter“, ächzte er leidend.
Das Monstrum vermochte ihn zu treffen.
Er ließ den Arm zu Boden sinken und tastete mit peinvoller Miene die Wunde ab.
Ein tiefer, doch nicht tödlicher Schnitt. Diese Schmerzen. Doch ist für Leid keine Zeit. Es verlangt, dies hintanzustellen.
Entschlossen umfasste er den Griff seines Breitschwerts.
„So muss es allein ein Arm tun“, flüsterte er zu sich selbst.
Er musterte den Dretuú.
Das Ungeheuer stampfte langsam auf seinen kräftigen Hinterbeinen auf ihn zu.
Der lange Sporn, der ihm an den Fersen gewachsen war, klackte bei jedem Schritt auf dem Boden. Immer wieder hob der Dretuú seinen Kopf und gab Schnalzlaute von sich. Er schüttelte sich und ging in die Knie.
Das Vieh setzt zum Sprung an.
Kraftvoll stieß der Dretuú sich vom Boden ab und fiel auf Forn herab. Geschwind drehte der sich weg und grinste der Kreatur hämisch entgegen.
„In diesem alten Körper steckt fürwahr noch immer genug Kraft, selbst, da ich vor über zehn Zwölfmonden aus der Armee entlassen wurde. Komm nur, du vermaledeites Mistvieh!“
Der Dretuú knurrte und schlug zornig auf den Boden. Er brüllte Forn entgegen.
Der lief auf die Kreatur zu und schwang sein Schwert.
Die Bestie parierte den Hieb.
Er nutzte die Parade des Dretuú, um ihm einen tödlichen Stoß zu versetzen, und rammte ihm das Breitschwert mitten ins Herz.
Ein lauter Schrei hallte durch den Wald.
Der Dretuú sank brummend zu Boden, ehe er ruckartig verstummte.
Forn hob eine Augenbraue und nickte selbstsicher grinsend.
Mit einem Ruck zog er sein Schwert aus der toten Kreatur und wischte das Blut von der Schneide. Sorgenvoll sah er sich um.
„Dies war nicht der Letzte und seine Rufe haben gewiss andere angelockt“, sagte er keuchend.
„Mehr von ihnen werde ich nicht überleben. Es verlangt, dringend nach Heren zurückzueilen.“
Ehe er sich zurück in das Dorf aufmachte, wandte er sich zu Firialas Leichnam zu.
„Vergebt mir, dass ich Euch zurücklassen muss, Firiala Faronlin. Gute Reise, bis in die Dortwelt. Wir werden Kara finden, selbst da es nur ihr Leichnam sein wird.“
Er steckte sein Schwert zurück in die Scheide.
Urplötzlich fuhr ein spürbarer Stoß in das Erdreich. Forn wankte und hielt inne.
Was ist dies?
Er kniete nieder und tastete vorsichtig den Boden ab.
Ich spüre Bewegung. Bei den Göttern. Sie kommen.
Rasch machte er sich, so schnell er es vermochte, von dannen und rannte zum Dorf zurück.
Vermaledeit! Dieses verfluchte Martyrium.
Er verzog peinvoll seine Miene.
Sein versehrtes Bein, welches seit den Ereignissen in Nagh-Bróa nie gänzlich verheilt war, bremste ihn zwar, doch war er fest entschlossen, nicht durch die Hand des Dretuú zu sterben.
Jäh, bevor er Heren erreichte, ertönte unweit von ihm ein Brüllen und Schnauben.
Die Dretuú hetzten hinter ihm her.
Es verlangt, Heren zu warnen, ehe diese Monstren darin einfallen.
Sie waren nah. Ihr Kreischen beinahe zu spüren.
Ein schwaches Licht brach durch das Geäst der Büsche und Sträucher.
„Herens Fackeln ... ich bin ganz nah“, keuchte Forn.
Er eilte auf die Lichter zu.
„Bogenschützen! Zu den Waffen!“, schrie er, da er nahe an Herens Eingangstor gekommen war.
„Schießt hinter mich! ANGRIFF!“
Urplötzlich zischte ein Pfeil über seinem Kopf vorbei.
Ein Kreischen gellte aus dem Wald, gefolgt von einem lauten Krachen.
Ein Dretuú war getroffen und zu Boden gefallen.
Forn drehte sich um und spähte in die Ferne.
„Schießt! Lasst einen Pfeilhagel niederregnen!“, schrie er lauthals, sogleich er die Silhouetten zahlreicher weiterer Dretuú aus dem Wald hervorpreschen sah.
Noch ein Ungeheuer ging mit lautem Geschrei zu Boden.
Forn hatte das Tor erreicht und drosch panisch dagegen.
„Schnell! Öffnet das Tor und lasst mich ein!“, rief er.
Erneut zischte ein Pfeil über ihm hinweg und sofort ertönten eindringliche Schreie, die jäh darauf wieder verstummten.
Weswegen lassen sie mich nicht ein? Trachten sie, mich ihnen zum Fraß vorzuwerfen?
Er wandte sich dem Wald zu und zog langsam sein Schwert aus der Scheide.
„So leicht bekommt ihr mich nicht“, sagte er zu sich selbst.
Seine Augen funkelten und er umfasste keuchend mit beiden Händen den Knauf seiner Waffe. Er schnappte nach Luft und verzog peinvoll seine Miene.
„Mein Arm, meine Schulter“, ächzte er leise.
Drei Dretuú stellten sich ihm entgegen und ihre weißen, im Licht des Mondes schwach reflektierenden Augen, fixierten ihn.
Jener Schmerz. Ich vermag, ihn auszublenden.
„Bis in die Dortwelt!“, rief er und hielt das Schwert vor sich. Er stürmte auf die Kreaturen zu.
Urplötzlich ging einer der Dretuú schreiend zu Boden. Ein Pfeil steckte in seinem Kopf.
Forn hielt einen Moment inne und nickte.
„So lange sehnte ich mich wieder nach einem Kampf. Ich werde es genießen, euch in Stücke zu hacken“, sagte er mit freudigem Tonfall und wandte sich den beiden verbliebenen Ungeheuern zu.
Er umfasste fest mit beiden Händen den Griff seines Breitschwerts und musterte die Ungeheuer.
„Bis in die Dortwelt!“
Unvermutet gruben sich die Kreaturen kreischend in die Erde ein und flohen.
„Ganz recht, ihr vermaledeiten Drecksviecher!“, rief er ihnen zornig hinterher. „Verschwindet und kehrt nie wieder!“
Ein lautes Knarren ertönte, da sich das Tor langsam öffnete.
Ein junger Herr, gewandet in einem grünen Lederwams, stapfte grinsend daraus hervor.
Er strich sich durch sein langes, rotes Haar und zwirbelte seinen Schnauzbart.
„Na, alter Mann?“, fragte er hämisch und trat nah an Forn heran. „Lehrte man Euch nicht, dass man des Abends Heren nicht mehr verlässt? Den Göttern sei Dank, dass meine Mannen solch ausgezeichnete Schützen sind.“
Der junge Herr lachte und klopfte Forn auf die Schulter.
„Sprich nicht mit mir, gleich ich ein schwachgeistiger und alter Narr wäre, Nalan“, erwiderte Forn zornig.
Er ließ sein Schwert zurück in die Scheide gleiten und schüttelte den Kopf.
„Es verlangt, sofort den Rat zu sprechen. Etwas Furchtbares ist geschehen“, insistierte Forn und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht seine Wunde.
„Bei den Göttern“, erwiderte Nalan und riss geschockt die Augen auf.
„Ihr blutet, Forn. So lasst mich Euch sofort verarzten.“
Nalan zog Forn vorsichtig an dessen Arm in Richtung des Eingangs nach Heren. „Was hattet Ihr so spät des Nachts im Wald zu schaffen?“
Urplötzlich begann Forn zu wanken. Er stützte sich auf Nalan und atmete schwer.
Wie wird mir? Ich sehe nicht länger klar.
„Forn? Ist Euch unwohl?“, fragte der besorgt.
„Herr Forn?“
Der schnappte jäh nach Luft und brach zusammen.
Nalan hielt ihn fest, doch der groß gewachsene Hüne war zu schwer.
Er vermochte nicht, ihn zu stützen, sondern ließ ihn langsam zu Boden gleiten.
„Ruft nach Frau Cordunia“, schrie Nalan.
„Dretuú ... Dretuú“, stammelte Forn.
Diese Menschen. Ich erkenne sie nicht. Sie tuscheln?
„Diese tiefe Risswunde an der Schulter. Er verliert zu viel Blut. Tragt ihn geschwind in mein Haus. Ich werde derweilen einen Trunk aus Ganbaskraut brauen.“
Forns Augen drehten sich nach hinten.
Ich sehe nicht klar. Die Schmerzen ... ich ...
Schließlich verlor er das Bewusstsein.